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Leseprobe:
Intuition: Navigationssystem mit Tücken
Der Mann einer meiner Kundinnen ist beruflich oft unterwegs. Eines Nachts, als er wieder einmal auf Geschäftsreise war, wachte meine Kundin auf, mit dem spontanen Impuls, die Bettseite zu wechseln. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit legte sie sich in das kalte Bett ihres Mannes. Sie war noch nicht wieder eingeschlafen, als der Schlafzimmerleuchter von der Decke auf ihre Seite des Bettes fiel.
Fast jeder von uns hat etwas Ähnliches schon einmal selbst erlebt oder zumindest von Bekannten erzählt bekommen. Wenn ich in meinen Seminaren die Teilnehmer frage, welche Erfahrungen dieser Art sie schon gemacht haben, bekomme ich mitunter Geschichten zu hören, von denen man regelrecht eine Gänsehaut bekommt. Was ist dieser berühmte „sechste Sinn“, die Intuition, die uns Dinge wahrnehmen lässt, die wir eigentlich nicht wissen können?
Intuition ist vorbewusstes Wissen, Wissen am Verstand vorbei, oder, bildhaft gesprochen: Intuition ist ein intelligenter Schwamm, der alles in Ihrer Umgebung geradezu aufsaugt und gleichzeitig als Navigationssystem funktioniert.
Ein Navigationssystem? Wie das?
Unser Gehirn erhält über die Sinnesorgane Sekunde für Sekunde eine Vielzahl von Eindrücken. Nur einen sehr kleinen Teil dieser Eindrücke nehmen wir bewusst wahr. Hirnforscher schätzen, dass uns nur 0,1 Prozent dessen, was unser Gehirn tut, bewusst wird. Und was tut es? Es filtert die Flut von Sinneseindrücken und wählt aus, welche davon an das Bewusstsein weitergeleitet werden sollen.
Erinnern Sie sich einmal daran, wann Sie zuletzt in einer größeren Gruppe von Menschen, die sich unterhalten haben, Ihren Namen herausgehört haben, obwohl Sie gerade in einem spannenden Gespräch mit jemand anderem waren. Der unbewusst arbeitende Teil Ihres Gehirns hat trotz der vielfältigen Ablenkungen eine für Sie wichtige Information herausgefiltert und sie Ihnen übermittelt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Cocktailparty-Effekt“.
Was glauben Sie: Wie viele Eindrücke – nennen wir sie „Bits“, Basiseinheiten der Information – kann unser bewusster Verstand pro Sekunde verarbeiten? Es sind 60 Bits. Pro Sekunde können wir also 60 Eindrücke bewusst wahrnehmen und verarbeiten.
Und unbewusst? Wissenschaftler haben versucht, auch hier eine Schätzung vorzunehmen. Die Zahlen, die dabei herauskommen, sind jedoch unvorstellbar groß, bedenkt man, dass allein die Augen pro Sekunde mindestens 10 Millionen Bits an das Gehirn schicken. Klar, dass hier eine Auswahl getroffen werden muss. Klar aber auch, dass diese vorbewusst stattfindende Auswahl unser Verhalten beeinflusst und steuert – völlig an unserem Verstand vorbei. …
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